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Thamer, Theobald

GND: 118621599

geb. 1502 in Oberehnheim im Elsaß; gest. 23. Mai 1569 in Freiburg im Breisgau, Theologe

Th. wurde vermutlich in Straßburg für die Reformation gewonnen; von 1535 bis 1539 studierte er mit finanzieller Unterstützung des Landgrafen Philipp von Hessen in Wittenberg; dieses Studium beendete er am 11. Februar 1539 als Magister Artium. Ab 1540 lehrte Th. Griechisch in Frankfurt/Oder. Philipp von Hessen ernannte Th. 1543 zum Theologieprofessor an der Universität Marburg und Prediger an der dortigen Elisabethkirche. Als Prediger erhielt Th. sehr großen Zulauf. Allerdings kritisierte ihn sein Landesherr schon bald wegen seiner allegorisierenden Interpretation der Bibel. Wahrscheinlich während seiner Tätigkeit in Marburg verfasste Th. seine erste Schrift »Adhortatio ad theologiae studium in academia Marburgensi«, eine Erörterung der Ziele eines Theologiestudiums. Schnell geriet Th. in Konflikt mit einigen seiner Kollegen. 1544 erreichte dieser Streit wegen der schroffen Haltung Th.s in der Abendmahlslehre einen vorläufigen Höhepunkt in einer Auseinandersetzung mit Andreas Hyperius. 1546/47 nahm Th. als Feldprediger im Heer des Landgrafen Philipp von Hessen am Schmalkaldischen Krieg teil. Jedoch machten ihn seine Erfahrungen als Prediger und seine Beobachtungen von grausamem Verhalten bei Soldaten der 'Glaubensarmee' während dieses Krieges nachdenklich und ließen ihn seine bisherige Überzeugung, dass der Glaube allein gerecht mache, in Frage stellen. Th. entwickelte sich zum Polemiker gegen einen werklosen Glauben und damit gegen das »sola fide« der lutherischen Rechtfertigungslehre. Die Veränderung, die in ihm vor sich ging, beschrieb er später in seiner Schrift »Wahrhafftiger Beriecht«. Nach seiner Rückkehr nach Marburg wandte er sich in öffentlichen Disputationen und in seinen Predigten deshalb entschieden gegen das protestantische sola-fide-Prinzip. Mit Johannes Drach (Draconites) trug Th. seine diesbezüglichen theologischen Auseinandersetzungen öffentlich in Predigten auf der Kanzel aus, so dass am 8. Oktober 1547 Rudolf Schenck, Statthalter zu Hessen, zur Schlichtung des Streites zwischen Drach und Thamer aufforderte. Th. verfasste 28 Thesen, die er drucken ließ. Drach verließ Marburg Ende 1547 vermutlich wegen des Streits. Mehrmals von Statthalter und Räten von Kassel ermahnt und zitiert, versprach Th., die strittigen Themen bis zur Rückkehr des Landgrafen Philipps ruhen zu lassen. Sein 1548 schriftlich formuliertes Bekenntnis stellte die Lösung von der Lehre der Reformation dar. Darin betonte er besonders ethische Elemente. Die Tugend erhielt quasi eine Mittlerfunktion auf dem Weg zu Gott und zur Erlösung. Die protestantischen Theologen sahen durch die Betonung der guten Werke durch Th. das Verdienst Christi geschmälert. So wurde Th. nach vielen Auseinandersetzungen, vor allem mit Drach und Adam Krafft, und etlichen Verweisen am 8. August 1549 wegen seiner 'Irrlehren' bis zur Rückkehr Philipps von Hessen beurlaubt, d. h. faktisch seiner Stelle in Marburg enthoben. Da er sich ungerecht behandelt fühlte, wollte er zur Klärung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe den gefangenen Landgrafen Philipp besuchen. Auf dieser Reise lernte er den Karmeliterprovinzial Eberhard Billick kennen. Gespräche mit diesem führten Th. zu der Einsicht, dass er bei den Lutheranern seine Lehre nicht verkünden konnte. Daraufhin brach Th. seine Reise ab. Auf Empfehlung Billicks erhielt Th. als Gegner der Reformation vom Erzbischof von Mainz am 10. Dezember 1549 die Stelle als zweiter Prediger an der Bartholomäus-Stiftskirche im lutherischen Frankfurt/Main. Obwohl von nun an gemäßigt in seinen Predigtausführungen, wurde er von lutherischen Gegnern, besonders von Hartmann Beyer, schwer attackiert und bei seinen Predigten wiederholt von Zuhörern, deren Zahl im Vergleich zu Marburg stark abgenommen hatte, massiv gestört. 1552 wurde Th. auch dieser Stelle enthoben. Dem inzwischen aus der Gefangenschaft heimgekehrten Landgrafen Philipp von Hessen schickte Th. am 27. Januar 1553 seine Schrift »Wahrhafftiger Beriecht« und bat ihn, sich vor ihm mündlich verantworten zu dürfen. Philipp mahnte Th. zur Einsicht und versuchte ihn zurück­zugewinnen. Deshalb schickte er ihn zu Erhard Schnepf nach Jena, zu Philipp Melanchthon und dem Superintendenten Daniel Gresser in Dresden, jedoch ohne Erfolg. Schließlich sandte er Th. am 14. April 1553 noch zu Heinrich Bullinger, wartete aber das Ergebnis nicht ab, sondern entließ Th. endgültig am folgenden Tag. Die Bemühungen des Landgrafen und die genannten Reisen schilderte Th. in seiner »Apologia ... de variis calumniis ...«. So reiste Th. noch 1553 nach Italien, trat – wohl 1554 in Rom – zum Katholizismus über, wurde zum Diakon geweiht und erwarb den theologischen Doktorgrad. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde Th. 1555 das Amt des Dompredigers zu Minden übertragen. 1556 wurde er Kanoniker sowie Theologieprofessor in Mainz. Ende Juli 1566 kam Th. nach Freiburg/Breisgau und übernahm eine Professur für Theologie an der dortigen Universität. Von 1568 bis 1569 fungierte er als Dekan der theologischen Fakultät.

ADB, NDB, RE, RGG3, RGG4, TRE, BBKL, LThK

Deutsches Biographisches Archiv (DBA): I 1263,339-373;II 1299,429-436;III 913,57-69

Quellen

1550
Argumenta erronea pro sacrificio missae; B 2489  (Gegner)
1551
Das letzte Teil der Apologie Theobald Thamers; T 686  (Autor)
Thamer, Wahrhaftiger Bericht von den Injurien; T 685  (Autor)
1552
Ein Stück der Predigt Thamers, widerlegt durch Hartmann Beyer; T 684  (Gegner)

Zitierhinweis

Thamer, Theobald, in: Controversia et Confessio Digital. Herausgegeben von Irene Dingel. <http://www.controversia-et-confessio.de/id/e9f1028a-8490-462a-a16e-f9f98c776db7>. (Zugriff am 22.10.2019)

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