Bibliographie/Quellen

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Leichenpredigt über Erasmus Sarcerius (VD16: W 2790)

Wigand, Johannes (auf Titel)

Leichpredigt /
Bey der Begrebnis E=
RASMI SARCERII / des Gott=
seligen vnd berhümpten Lerers
in der Kirchen Christi /
nützlich zu lesen /
Durch
Johan Wigand in Magdeburg /
zu S. Vlrich Pfarherr.
APOCA: XIIII.
Selig sind die Todten / die in dem HErrn
sterben.
Magdeburg.
M. D. LX.

Druck

Erscheinungsort
Magdeburg (auf Titel)
Drucker
Kirchner, Timotheus (aus Text oder Kolophon)
Erscheinungsjahr
1560 (auf Titel)
Umfang und Format
19 Bl. 4°
VD 16-Nummer
W 2790
Bestandsnachweis HAB
450.11 Theol. (14)
Weitere Exemplare
Db 4607 (23); 450.19 Theol. (3); Dl 214 (9); J 205.4º Helmst. (15); Db 4607 (24)
Digitalisat
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Widmung

Empfänger
St. Johannis in Magdeburg, Älteste und Gemeinde (aus Text oder Kolophon)
Datum
undatiert
Umfang
A 2r-v

Inhaltsbeschreibung

Kontroverse
Allgemeiner Druck
Kommentar
In seiner Widmungsvorrede an den Kirchenvorstand seiner Johannisgemeinde in Magdeburg erklärt Wigand, nach der Leichenpredigt für Sarcerius gebeten worden zu sein, diese in den Druck zu geben, damit auch Leser außerhalb Magdeburgs über dessen Tod Bericht erhielten und zum Gebet um treue Lehrer und Prediger angereizt würden. Seine Predigt will W. nach einleitenden Worten in drei Punkte gliedern: "Das die pflantzung, regierung vnd erhaltung der Christlichen Kirchen vnd heilsame Lerer eine sonderliche vnd gnedige gabe Gottes sind." Zweitens daß der Tod eines Predigers eine schwere Strafe Gottes sei und drittens "von dem nutz vnd brauch solcher erinnerung". Zum ersten Punkt schreibt W., daß er als unnötig erscheine, doch gebe es immer noch einen großen Haufen, die treue Prediger "nur für kericht vnd vnnütze Leute halten", die man gut missen könne, weil sie oft Worte redeten, die das Land nicht ertragen könne. Gegen diese Undankbarkeit für Gottes Gaben müsse man predigen. Daß die weltliche Herrschaft nicht von ungefähr komme, hätten auch vernünftige Heiden erkannt. Gottes Wort zeige, daß die Obrigkeit Gottes Ordnung und Diener sei. Das Reich Gottes auf Erden, die Kirche, sei noch viel höher und herrlicher. "Denn das Weltliche reich ist gleich als eine Dienerin des Reichs Gottes" – es müsse für Friede und Zucht sorgen, damit Gott mit seinem Reich "seinen ort, raum vnd lauff habe". Auf Erden sei keine höhere Gabe Gottes als die Erhaltung seines geistlichen Reiches, denn es betreffe das Seelenheil. Lehrer und Prediger seien Diener und Knechte Gottes in seinem geistlichen Reich. Zu allen Zeiten habe er unmittelbar oder durch andere Menschen sich Diener berufen, die als seine Werkzeuge durch Wort und Sakrament für die höchsten Güter, die Seelen, tätig sind. Umgekehrt entstehe der größte Schaden, wo die Mensche keine oder unreine Lehrer des Wortes haben, vergiftete Meinungen in den Artikeln des Glaubens vertreten, Wetterhähne, Ohrenkrauer, Generalisten oder Antinomer und Meister Leisetreter sind. Wer die Leute so nicht zur wahren Erkenntnis der Sünde führe, sei nichts anderes als ein Seelenfresser. So viele Menschen bei den Heiden oder Türken hätten keine oder falsche Lehrer und blieben so im Reich des Teufels "wenn sie gleich viel schöner vnd herrlicher eusserlicher tugende haben". Unter dem Papsttum habe man die Menschen falsch von der Erkenntnis der Sünde und der Rechtfertigung gelehrt, in dem man sie auf ihre eigenen Werke verwiesen habe, lehrte, daß man zweifeln solle ob man Gottes Gnade habe, wie es noch im Conciliabel von Trient gelehrt werde, wodurch man die betrübten Gewissen verstocke und ersticke. Nur selten habe es erleuchtete Lehrer wie Tauler oder Wessel Gansfort gegeben, "doch haben sie von dem gemeinen schlam des Bapstumbs viel behalten." Auch in der wahren Kirche mangele es an treuen Lehrern, "denn allerley verfelschungen der Lere reissen wie ein Sindtflut ein" und beziehen ihre Fehler aus den Interimistischen und Adiaphoristischen Händeln und bösen Schriften, wodurch sie großen Schaden anrichten. Rechte Lehrer dagegen würden "wie die Perlin vnd Edelgestein nicht mit hauffen gefunden", sondern seien selten. Nach der Zeit der Apostel sei die Lehre immer unreiner geworden, "da man auff die Philosophia vnd der Heiden Bücher gefallen, vnd darzu so sind Menschen werck vnd falsche Gottes dienst beide aus dem Jüden vnd Heidenthumb eingeschliechen, biss vnter dem verfluchten Babsthumb alles mit jrthumb vnd finsternis vberschwemmet vnd verdunckelt ist worden." Seit der Zeit der Apostel sei nach Meinung vieler kaum eine Zeit auf Erden gewesen, in der die Glaubensartikel reiner gelehrt worden seien als "eben jtzt zu vnserer zeit der Heimsuchung in Deutschlandt nun fast in die viertzig Jar" durch Luther. Auch habe es nie so viele gelehrte Autoren in einem Land gegeben und es seien Bücher in vielen verschiedenen Sprachen in den vergangenen Jahren gedruckt worden. Wer dies nicht als Gottes Werk erkenne, müsse ein verstockter Epikureer sein. "One zweiffel aber ist solches mit nichten ein gering zeichen, das der Jüngste tag heran mit gewalt dringe, vnd das vnser leiber vnd getrewer HErr Christus noch kurtz zuuorn, gleich als auff einen hauffen seine güte vnd herrlichen schetze wil in die Welt ausschütten vnd in seine Scheune noch einsamlen, was er kann, darnach aber vnnd ehe man sichs versihet zum endlichen gericht erscheinen." Man müsse eigentlich noch sagen, was für Gaben und Bücher jetzt vorhanden seien und worin die Blindheit des Papsttums bestanden habe, aber das wäre zu umfangreich. <br />W. wendet sich nun Sarcerius zu, der zu dem Haufen der wohlverdienten Diener im geistlichen Reich Gottes gehört habe, der nicht nur viele Talente empfangen, sondern sie auch nützlich angelegt habe. Er habe ein helles Verständnis von den Artikeln des Glaubens gehabt, habe aus Luthers Mund gelernt und mit ihm einträchtig bis an sein Ende gelehrt. Er habe als Schulmeister "in berhümpten vnd Volckreichen Stedten, als zu Wien in Osterreich, zu Gretz in der Steiermarck, zu Lubeck, Rostock vnnd Sigen in der Graffschafft Nassaw" gearbeitet. Dann sei er zu einem Pfarrer und Superattendenten geworden. Er sei methodisch gewesen, von scharfem Urteil, besonders bei subtilen Verfälschungen, wahrhaftig, ehrliebend, standhaft, duldsam und fleißig. Als eifriger Feind des offenbaren Antichrist habe er nie geraten, "das man für des Antichrists gliedern ... die bekentnis sincken oder ins rauchloch solte hengen lassen oder das man sich von jnen aus dem Artickel ''Jch gleube eine Christliche Kirche'' sol setzen lassen" oder auf andere Weise ihnen gegenüber nachsichtig sein soll. Drittens habe er viele exegetische Schriften zu AT und NT auf Deutsch und Latein veröffentlicht, mit seinem Methodus (S 1750) sein Verständnis der Lehre unter Beweis gestellt, Bücher über die Kirchenregierung (S 1755) und Bibelsummarien (S 1777) und als Schwanengesang eine Widerlegung der "jtzt eingerissenen vnd schwebenden jrthumb verfasst." (Bezug unklar, evtl. ungedruckt). Viertens habe er zahlreiche Regenten schriftlich und mündlich bei Religionssachen beraten; er habe selber von sich behauptet, in 24 Grafschaften die Kirchenordnung verfaßt zu haben. Fünftens habe er sich um die Kirchendisziplin und Weltzucht bemüht und sich über die allenthalben vorhandenen Sünden beklagt. Wie kein anderer Zeitgenosse habe er Bücher darüber geschrieben. (Vgl. u.a. S 1672, S 1781ff). <br />Mit dem sechsten Punkt kommt W. offenkundig zu einem Hauptanliegen seiner Schrift: Besonders hebt er hervor, daß sich Sarcerius an den geistlichen Streitigkeiten beteiligt habe, was er mit Angriffen gegen andere Theologen verbindet, die "wissen fein sich auszuziehen, geben für, sie mögen nicht zancken". Aber es gehöre zu den Aufgabe eines guten Lehrers, "die wiedersprechenden zu wiederlegen, vnnd sind solche Prediger nichts anders denn wie faule Krieger, welche im Lager, da man Soldt gibt, dapffer sind, vnd lassen sich auch sehen, wo man keine Feind weis. Aber wenn man dem Feind vnter augen ziehen vnnd dapffer kempffen sol, so verkriechen sie sich". Sarcerius habe dagegen tapfer gegen den Antichrist gestritten "vnd hat sich etlich mal darüber lassen veriagen." Er habe auch gegen "Wiederteuffer, Gesetzschender vnd Sacramentirer, beide alt vnd newe, grobe vnd subtile" gekämpft und sich nicht durch philosophische Argumente beirren lassen. Ebenso gegen "die Synergiam oder Mitwirckung des Menschlichen willens in der bekerung eines Menschen zu Gott vnd Geistlichen sachen, wieder die Lere von der Erbsünde … Wieder das Interim, darin man ein gemengtes vnd auch ein verblumetes machete, vber welchen kampff er auch ins Elend geiagt ward. Wieder die Adiaphoristischen felle, verfelschung der Lere vnd vergleichung mit dem Antichrist, vnd pflegte zu sagen, Er hette noch wissen vmb noch mehr Sünden vnd viel böser wercke der Adiaphoristen, in den Interimischen hendeln begangen, den man jnen schuld gegeben. Darumb hetten sie sich des nicht zu beklagen, das man jnen durch offentliche Schriften schuld gege, Sondern das were der nechste radt: Busse gethan vnd das ergernis abgeschaffet, so were der armen Kirchen gerathen." Auch habe er gegen die Majoristen gekämpft, aber für weiteres reiche die Zeit nicht. "Eines können wir nicht vbergehen: Da die Adiaphoristen jn mit falschen aufflagen, wie denn jr gewonheit, beschwereten, als solte er leren, das die werck nicht nötig, vnnd als möchte man sie nur für die lange weil thun, wie man für die lange weil Badt gehet, ist er durch ein feine ernste Schrifft jnen begegnet, vnd solch verleumbden nicht wollen auff sich liegen lassen. Da sie auch haben angezogen aus seinen Schrifften etliche vndbedachtsame reden. Als das Gute wercke den Glauben erneeren vnd erhalten. Jtem das Euangelion proprie dauon zu reden sei eine Predigt der Busse vnd vergebung der Sünden. Hat er solches wieder retractieret, vnd was er dauon halte, genugsam erkleret, auff das sie dauon seine rechte meinunge wusten, vnd sich mit jm nicht beschonen köndten." Dies erzähle er, so Wigand, damit man die Methoden der Adiaphoristen kennen lerne, die über diesen und andere gottselige Lehrer Schmähverse geschrieben hätten. Letztlich sei Sarcerius am 28. November im festen Glauben selig entschlafen. <br />Im zweiten Hauptteil der Schrift redet W. vom Tod der christlichen Lehrer. Luther, Jonas, Cruciger, Bugenhagen, Myconius, Menius (nota bene hier aufgeführt und nicht als Majorist qualifiziert), Rhegius, Aepin, Veit Dietrich und Schnepff: fast alle seien nun hinweggerafft. Dazu müsse man nun auch Sarcerius zählen. So wie sich nach dem Tod der Apostel viele Sekten gebildet hätten, so erhebe sich nun nach dem Tod Luthers eine neue Zeit der Lehrer irriger Meinungen. "Es rhümen sich wol sehr viel Schüler vnd Nachfolger Lutheri. Aber jr sind wenig, die es warhafftig vnd in der that sind." Gegen das Unkraut aus Philosophie und menschlicher Vernunft hätten kluge und verständige Leute gekämpft, doch nun träten andere auf, die das Unkraut förderten und mehrten, zum Beispiel die Adiaphoristen. Sie nähmen das Unkraut der guten Werke aus dem Interim, das Luther schon ausgerauft hatte, und pflanzten es wieder ein. Die Sakramentierer wollten die heidnische Pflanze, daß Christi Menschenleib gen Himmel gefahren und deshalb nicht zugleich von vielen gegessen werden könne, in das Abendmahl einpflanzen. Doch sollten in diesem Artikel, wie Luther gesagt habe, die Weiber Vernunft und Philosophie schweigen. Zu seinem Gedanken über den Tod der treuen Lehrer zurückkehrend beklagt W., daß Sarcerius nur vier Predigten in Magdeburg habe halten können und sein Amt kaum angetreten habe, als er starb. Das zeigen an, "das Gott vber diese Gemeine ergrimmet" sei. Sündenerkenntnis und Buße seien nötig über Sünden wie Verachtung des Worts und des Sakraments und Vergessenheit der Wohltaten, die Gott während der Belagerung getan habe (in einem Exkurs verweist W. darauf, das Jaspar von Gennep in seiner Kirchenhistorie den Widerstand Magdeburgs gegen das Interim als eigentlichen Grund für die Belagerung des Kaisers angegeben habe, damit sei als eigentliches Ziel seiner Politik die Ausrottung der "ketzerischen Religion" offenbart). Weiterhin gebe es Buhlerei mit dem Antichrist, Geiz, Wucher, Hoffahrt, Halsstarrigkeit in der Sünde etc. Über diese Sünden zürne Gott, was das Aufkommen des Antichrists in der Stadt und der Tod S.s zeige; Einwände dagegen wischt W. beiseite, etwa, daß S. alt gewesen sei: Mit 59 hätte er noch gut zehn Jahre der Kirche dienen können. Der vorzeitige Tod vortrefflicher Leute sei ein Zeichen, das beweisen auch die Ereignisse nach Luthers Tod. Zugleich wolle Gott solchen Leuten das folgende Unglück ersparen, deswegen habe er Augustin, Luther und eben auch Sarcerius vorher zu sich gerufen. Den dritten, kürzesten Teil seiner Predigt widmet W. der notwendigen Buße, die nun folgen müsse.

Zitierhinweis

Leichenpredigt über Erasmus Sarcerius, in: Controversia et Confessio Digital. Herausgegeben von Irene Dingel. <http://www.controversia-et-confessio.de/id/ba96a077-4ff1-4b23-8647-7100965abd7c>. (Zugriff am 28.10.2020)

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