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Gründliche Verlegung des langen Comments der Adiaphoristen (VD16: F 1412)

Flacius, Matthias (auf Titel)

Gründliche Ver=
legung des langen Comments
der Adiaphoristen / oder der verzelung
jhrer handlungen / Zu gründlicher
erforschung der warheit in dieser
sache sehr nützlich zu lesen / Durch / M. Fl. Illyricum.
Philip. vber das Regenspurgische Interim.
Dieses spiel ist nicht new in der Welt / sondern ist offt
fürgefallen / das etliche Herrn vnd Gelerten die köpffe zu=
samen gesteckt / vnd die Göttliche Lere nach jrer gelegen=
heit gelencket / Es ist auch wol zubesorgen / das dieses fort=
hin mit newer geschwindigkeit mehr versucht werde / Aber
frome trewe Lerer etc. Zu derselben zeit hat er auch
diese Vers über sein Gesichte geschrieben.
Me iussere Duces fallacem pingere Hyenam
Et Monstri speciem proposuere mihi.
Jtem in diesem Comment fol. 154. sagt er. Diese gantze
hinderlistige vergleichung ist nur eine bestetigung des Canons in der
Mess / vnd der Gottlosen Gottesdiensten / vnd eine approbierung oder
bewilligung der grausamkeit in Niderland vnd anderswo / Es sey / das
die Fürsten jtzt / oder aber hernach eine solche vergleichung der Religion
anrichten werden Das ist je eine klare Propheceiung von diesen vnsern
zeiten / vnd dieses wercks der Adiaphorischen vergleichung / Amnistien
vnd vermischung der Religion / Darin der Maler selbst von
seinem gemelde prophetisieret. Wer sich nun wil war=
nen lassen / der hat Warnung genug.

Gegner:
Wittenberger Theologen (auf Titel)

Druck

Erscheinungsort
Jena (aus Text oder Kolophon)
Drucker
Richtzenhan, Donat (aus Text oder Kolophon)
Erscheinungsjahr
1560 (aus Text oder Kolophon)
Umfang und Format
124 Bl. 4°
VD 16-Nummer
F 1412
Bestandsnachweis HAB
156.22 Theol. (11)
Weitere Exemplare
Yv 2551.8º Helmst.; Alv.: U 164 (12)
Digitalisat
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Inhaltsbeschreibung

Kontroverse
Adiaphoristischer Streit
Kommentar
Im Jahr 1560 ließ der evangelische Kontroverstheologe Matthias Flacius Illyricus in der Offizin des Jenaer Druckers Donatus Richtzenhan eine gegen die Wittenberger Theologen um Philipp Melanchthon und Georg Major gerichtete, kompilatorisch strukturierte Streitschrift publizieren, in der er sich explizit zur Frage nach den so genannten Adiaphora, d.h. den nicht heils- und bekenntnisrelevanten Mitteldingen sowie zum Problemkreis des „antinomistischen Streits“ äußert. Flacius verteidigt sich in dieser, in vier Teile gegliederten, Textsammlung einerseits gegen angebliche Vorwürfe von Seiten der Wittenberger, geht jedoch außerdem auch auf Kontroversen mit außerhalb Wittenbergs wirkenden Theologen wie Justus Menius ein. 1559 waren die Streitigkeiten zwischen den sich um Flacius scharenden so genannten „Gnesiolutheranern“ einerseits und den „Philippisten“ um Melanchthon, Major und Pfeffinger andererseits bereits seit mehr als zehn Jahren im Gange. Auslöser dieser innerprotestantischen Verwerfungen war das Augsburger Interim von 1548 gewesen. Nikolaus von Amsdorf, Nikolaus Gallus und Matthias Flacius begannen von Magdeburg aus einen propagandistischen Kampf sowohl gegen die altgläubig-kaiserliche Seite als auch gegen die, in ihren Augen zu schwachen und nachgiebigen, daher letztlich das wahre Evangelium verratenden, „Philippisten“, die als „Adiaphoristen“ diffamiert wurden. Beide Seiten wechselten Streitschrift auf Streitschrift; aus diesem zunehmend polemisch geführten Schlagabtausch kristallisierten sich während der 1550er Jahre mehrere Streitkreise heraus. Der vorliegende Flacius-Druck von 1560 antwortet in direkter Weise auf die Wittenberger Schrift „Gründlicher vnd warhafftiger Bericht aller Ratschleg vnd antwort“ (VD 16 W 3727) aus dem Vorjahr: eine summarische Zusammenfassung der philippistischen Positionen zum adiaphoristischen Streit. In einem ersten Teil versucht Flacius, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe theologisch-argumentativ zu widerlegen, um darauf aufbauend dann in den Teilen 2 bis 4 seinerseits selbst die „Adiaphoristen“ anzugreifen, denen er im ersten Teil zusätzlich noch antinomistische Standpunkte vorwirft. Im Kern lässt sich die Argumentation des Flacius wie folgt charakterisieren: der Autor weist die Wittenberger Vorwürfe, er habe Texte gegen die sächsischen Fürsten im Umlauf gebracht, nicht energisch genug gegen Schwenckfeld und andere Dissenter Stellung bezogen, Unruhe innerhalb des evangelischen Lagers gestiftet und den mühsam nach dem Ende des Schmalkaldischen Krieges erreichten Frieden im Reich gefährdet, mit aller Entschiedenheit zurück. Vielmehr seien es die Wittenberger, die mit ihrer Nachgiebigkeit den kaiserlichen Ambitionen gegenüber die reine evangelische Lehre und den rechtgläubigen Gottesdienst gefährdeten. Indem sie vormals aus gutem Grund bereits abgeschaffte und als vermeintliche „Adiaphora“ angesehene Riten und Gebräuche wieder in das religiöse Leben der Evangelischen einführen wollten, verwässerten sie die reine Lehre und verrieten die wahre lutherische Reformation. In Fragen der Religion hingegen dürfe es keine Kompromisse geben, jedes Abweichen von Luthers genuiner Agenda sei ein Rückfall in vorreformatorische, irrgläubige Zustände. Zudem versucht Flacius in einem zweiten Teil seines Textes den Nachweis zu führen, dass die Wittenberger sich nach dem Tode Luthers inhaltlich den Positionen Johann Agricolas angenähert hätten und nun antinomistisch lehrten, indem sie angeblich behaupteten, die Verkündigung des mosaischen Gesetzes sei bezüglich Glaube und Gnade unnötig und bringe nur eine nutzlose „Reue des Judas“ hervor. Flacius wirft den Wittenbergern vor, sie deuteten das Evangelium zum „Gesetz“ um und würden Reue, Glaube und Gnade in unzulässiger Weise mit einander vermengen. Der Text schließt mit einer nochmaligen, dezidierten Verurteilung der kompromissbereiten Wittenberger Positionen bezüglich der Problematik der Adiaphora. Biographiegeschichtlich interessant erscheint zudem, dass sich der vermutlich 1559 von Flacius verfasste Text wahrscheinlich noch gegen Melanchthon selbst als „Oberhaupt“ der Wittenberger Theologen richtete, dieser aber im April 1560, entweder kurz nach der Publikation des Flacius-Druckes oder sogar noch vorher, verstarb und somit auf diese flacianischen Vorwürfe nicht mehr antworten konnte.

Zitierhinweis

Gründliche Verlegung des langen Comments der Adiaphoristen, in: Controversia et Confessio Digital. Herausgegeben von Irene Dingel. <http://www.controversia-et-confessio.de/id/bd47fea8-ff96-4411-b267-0fce586e9961>. (Zugriff am 20.01.2021)

Dieser Text steht unter einer CC BY 4.0 Lizenz.

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