Bibliographie/Quellen

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Epistolae sedecim, quis plane testatum reliquit, quid de pontificatu senserit Ausz <dt.> (VD16: P 1722)

Petrarca, Francesco (auf Titel)

Das der Bapst mit sei
nem hoffe die rechte Babilon vnd
Babilonische Hure sey.
Durch den hochgelarten Franciscum Petrar=
cham einen Welschen / der für
250. jar gelebet hat.

Herausgeber:
Flacius, Matthias (aus Text oder Kolophon)

Druck

Erscheinungsort
Magdeburg (erschlossen)
Drucker
Rödinger, Christian d. J. (erschlossen)
Erscheinungsjahr
1550 (unsicher)
Kommentar Druck
Zwei Holzschnitte von diskutierenden Männern auf Titelblatt. Vorwort ist Nachwort
Umfang und Format
6 Blatt 4°
VD 16-Nummer
P 1722
Bestandsnachweis HAB
Alv.: De 79 (9)
Weitere Exemplare
S 320c.4º Helmst. (2); 369 Theol. (30); 329.6 Theol. (41)
Digitalisat
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Vorwort

Autor
Flacius, Matthias (aus Text oder Kolophon)

Inhaltsbeschreibung

Kontroverse
Adiaphoristischer Streit
Kommentar
Im Jahre 1550 ließ Matthias Flacius Illyricus bei Christian Rödinger in Magdeburg den Großteil eines Briefes des Frühhumanisten Francesco Petrarca erneut in Druck gehen, versehen mit einem eigenen kurzen Kommentar am Schluss des Drucks. Den ursprünglich in lateinischer Sprache verfassten Petrarca-Brief übersetzte Flacius ins Deutsche, um damit ein breiteres Lesepublikum innerhalb der evangelischen Kreise Deutschlands zu erreichen. Petrarca verfasste dieses Schreiben, das zu der Briefsammlung „Sine nomine“ gehört, im Jahre 1358, als er in den Diensten der Visconti in Mailand stand. Petrarca, der während der 1320er und 1330er Jahre in Avignon gelebt und dort die Verhältnisse am Hof der Päpste Johannes XXII. und Benedikts XII. kennen gelernt hatte, nahm gegenüber der Macht- und Prunkentfaltung am päpstlichen Hof, aber auch gegenüber der Verstrickung der Kurie in die Verwicklungen der Machtpolitik, eine kritische Haltung ein. Das 14. Jahrhundert war die Zeit des Avignonesischen Exils der Päpste, die durch ihre 1309 erfolgte Übersiedlung nach Avignon, welches sich damals im Besitz der Grafen von Provence befand, mehr und mehr in den Bannkreis der politischen Beeinflussung durch den französischen König und die Interessen der französischen Krone gerieten. Der zunehmend von französischen Kardinälen geprägte Papsthof zu Avignon wurde zudem zu einem Zentrum für Nepotismus. Außerdem verärgerte der seit dem Beginn des 14. Jahrhunderts wachsende Einfluss der Franzosen nach und nach viele gebildete Italiener, die zuvor die Politik der – damals noch in Rom residierenden – Kurie maßgeblich mit gestaltet hatten. In diesen geschichtlichen Kontext ist die scharfe Kritik Petrarcas an den am avignonesischen Papsthof vermeintlich herrschenden Zuständen einzuordnen. Petrarcas Brief nennt den Empfänger nicht, dieser wird jedoch als ein am Papsthof weilender Gast gekennzeichnet, den Petrarca eindringlich dazu auffordert, diesen verkommenen Ort der „Hure Babylon“ unverzüglich zu verlassen. Das Leben am Papsthof sei durch Hurerei, Hochmut, lasterhaftes Prassen, Ehebruch und die Verstrickung in weltliche Machtinteressen geprägt, mithin durch und durch verkommen und sündhaft. Um diese Anklagen zu illustrieren, wird beispielhaft das unkeusche Verhalten eines alternden Kardinals ausführlich beschrieben. Die wesentlichen Bestandteile des christlichen Credos wie die Auferstehung Christi, die Aussagen über das ewige Leben oder das Jüngste Gericht würden in Avignon lächerlich gemacht und für Märchen gehalten. Petrarca beabsichtigte mit seinem Brief allerdings nicht – wie Flacius mit der deutschsprachigen Neuherausgabe dieses Schreibens – eine grundsätzliche ethisch-moralische und geistliche Diskreditierung des Papsttums und der altgläubigen Kirche per se, sondern seine Kritik zielte darauf ab, die schädlichen Folgen aufzuzeigen, die der Einfluss des französischen Königtums, seiner Höflinge und Machtinteressen auf das an sich legitime Papsttum hatte. Die Pointe der Kritik Petrarcas liegt darin, die Notwendigkeit einer Rücksiedelung des Papsthofes nach Rom aufzuzeigen, da die von ihm angeprangerten Zustände seiner Lesart zufolge vor allem der „Gefangenschaft“ der Kurie im Einflussbereich des französischen Königs geschuldet waren. Bezeichnenderweise ließ Flacius bei der erneuten Herausgabe des Patrarcabriefes eben jene Passage, die explizit auf Avignon Bezug nimmt, weg. Für den Leser des 16. Jahrhunderts entstand dadurch der Eindruck, Petrarca habe mit der „Hure Babylon“ nicht Avignon und die Einbindung der kurialen Strukturen in den Machthorizont der französischen Krone gemeint, sondern Rom als Sitz des Papstes. Dass der Humanist des 14. Jahrhunderts keineswegs das Papsttum an sich in Frage stellte, sondern die Rückkehr eines von französischem Einfluss „geläuterten“, seiner Interpretation nach grundsätzlich rechtgläubigen, Papsttums nach Italien forderte, bleibt im Kontext des Rödinger-Drucks von 1550 jedoch im Dunkeln. Eine vollständige Wiedergabe des Patrarca-Briefes wäre der Intention des Flacius, das Papsttum per se scharf anzugreifen und es institutionell grundsätzlich zu diskreditieren, also zuwider gelaufen. Flacius bedient sich der Kritik Petrarcas als derjenigen eines Legitimität garantierenden, scheinbaren Vorläufers der eigenen antipäpstlichen Einwände, wobei die unterschiedlichen religionspolitischen Intentionen der beiden verschiedenen Kritiker nicht deutlich werden.

Zitierhinweis

Epistolae sedecim, quis plane testatum reliquit, quid de pontificatu senserit Ausz <dt.>, in: Controversia et Confessio Digital. Herausgegeben von Irene Dingel. <http://www.controversia-et-confessio.de/id/fc1eed7e-635a-4d74-b195-a18fa0776f67>. (Zugriff am 03.12.2021)

Dieser Text steht unter einer CC BY 4.0 Lizenz.

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