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Historia de quodam quem hostes Evangelii coegerunt (VD16: G 3301)

Gribaldi, Matteo (aus Text oder Kolophon)

HISTORIA DE QVO=
DAM QVEM HOSTES
Euangelij in Italia coege-
runt abijcere agnitam
veritatem.
Ezechielis xvlij.
Viuo ego dicit Dominus. Nolo mor=
tem peccatoris, sed vt conuerta=
tur & viuat.
1549.

Druck

Erscheinungsort
Wittenberg (aus Text oder Kolophon)
Drucker
Klug, Josef (aus Text oder Kolophon)
Erscheinungsjahr
1549 (auf Titel)
Umfang und Format
11 Bl. 4°
VD 16-Nummer
G 3301
Bestandsnachweis HAB
490.1 Theol. (1)
Digitalisat
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Inhaltsbeschreibung

Kontroverse
Antikatholisch, Widerstand gegen das Augsburger Interim
Kommentar
1549 ließ der aus Oberitalien stammende Antitrinitarier Matteo Gribaldi bei Joseph Klug in Wittenberg eine antikatholisch orientierte, lateinischsprachige Schrift in Druck gehen, die sich intensiv mit dem Schicksal und der durch Depression und Suizid geprägten letzten Lebensphase des italienischen Protestanten und Juristen Francesco Spiera auseinandersetzt. 1524 hatte sich der 1506 in Cittadella bei Padua geborene Spiera aus innerer Überzeugung der religiösen Sache der Wittenberger Reformation angeschlossen. Über zwanzig Jahre später, im Mai 1548, etwa zur gleichen Zeit, als in Deutschland über den Text des Augsburger Interims verhandelt wurde, machte die Inquisition Spiera in Venedig den Prozess wegen angeblicher Häresie, was dazu führte, dass dieser – durch Folter und Hinrichtung bedroht – seiner evangelischen Überzeugung am 20. Juli 1548 im Markusdom zu Venedig abschwor. Durch diesen „Abfall“ von den eigenen Glaubensüberzeugungen, denen er nur auf Druck der Inquisition hin oberflächlich abgeschworen hatte, jedoch innerlich immer noch gläubig anhing, wurde Spiera in einer solch tiefe Depression gestürzt, dass er sich Ende Dezember 1548 aus Verzweiflung über den Inquisitionsprozess und die eigene, scheinbare „Schwachheit“ in Glaubensfragen das Leben nahm. Gribaldi greift in seiner im Folgejahr gedruckten Schrift die Geschichte Spieras wieder auf und vernetzt sie mit den religionspolitischen Verhältnissen Italiens, aber durchaus auch des Sacrum Imperium Romanum, zu dieser Zeit. Das tragische Geschick Spieras inspirierte zudem den italienischen Gelehrten Pietro Paolo Vergerio zur Annahme des lutherischen Glaubens. Gribaldi, der mit Vergerio in geistigen Austausch stand, führt im Rahmen seines Textes Vergerio zudem als Beispiel für evangelische Rechtgläubigkeit und als Informationsquelle bezüglich Spieras an. Zu Beginn seiner Schrift führt Gribaldi aus, dass in den gegenwärtigen Zeiten bedeutende Ereignisse geschähen – aber nur Christus und der Glaube an das Wort Gottes könnten den Menschen retten. Zwar solle man nicht vom wahren Glauben abfallen, doch seien manche Gläubige nicht davor gefeit, sich zum Abfall überreden zu lassen, um dadurch altgläubigen Repressalien zu entgehen. Nach dieser Einleitung kommt Gribaldi direkt auf Spieras Beispiel zu sprechen. Spiera habe klar und deutlich die reine, rechtgläubige Lehre bekannt, er habe sich vor dem Inquisitionsprozess im Zustand der Rechtgläubigkeit befunden. Auf Betreiben des altgläubigen Klerus hin, welcher sich der Inquisition als Werkzeug bediente, sei Spiera jedoch derart unter Druck gesetzt und eingeschüchtert worden, dass er schließlich den verhängnisvollen Schritt zur Widerrufung seines Bekenntnisses vollzogen habe. Dies habe die folgende Seelen- und Gewissensnot Spieras erst ausgelöst und nun erst habe der Teufel auf den Apostaten einwirken und ihn zum Suizid verleiten können. Gribaldi zeichnet die folgende Depression Spieras in verschiedenen Phasen nach, die durchaus Anklänge an die mittelalterliche, literarische Gattung der ars-moriendi-Schilderungen erkennen lassen: Zunächst habe Spiera Essen und Trinken aus Gram über seinen Widerruf verweigert, schließlich sei der Wunsch nach Selbsttötung in ihm aufgekommen, der letztlich tatsächlich zum Selbstmord im Dezember 1548 führte. Gribaldi verknüpft die Schilderung der allmählich anwachsenden Suizidneigung Spieras mit Versuchungen und Heimsuchungen des Teufels, der dem Gepeinigten in Visionen erschienen sei und ihn zu diesem letztlich verderblichen Verhalten verleitet habe. Die Intention des Drucks erscheint insgesamt als deutlich antikatholisch: zwar trägt Spiera durch Widerruf seines Credos und Suizid an seinem Schicksal eine nicht zu leugnende „Mitschuld“, doch all dies – das Einwirken dämonischer Kräfte auf den durch die Inquisition Verunsicherten – wurde Gribaldi zufolge erst durch den Druck und die Einschüchterungen verursacht, die die römisch-katholische Inquisition auf einen zuvor rechtgläubigen Christen ausübte. Gribaldi will dem gebildeten, evangelischen Lesepublikum mit dieser Schrift vor Augen führen, auf welche Weise der altgläubige Klerus mit Hilfe der Inquisition in Italien – und nicht nur dort – der Christenheit schadet, indem er ursprünglich aufrechte Christen derart bedroht und verunsichert, dass diese dann zu Opfern dämonischer Mächte und des Abgleitens in Abfall vom wahren Glauben und Selbstmord werden können.

Zitierhinweis

Historia de quodam quem hostes Evangelii coegerunt, in: Controversia et Confessio Digital. Herausgegeben von Irene Dingel. <http://www.controversia-et-confessio.de/id/bf793418-be54-4ccd-8408-92928c312ab3>. (Zugriff am 04.04.2020)

Dieser Text steht unter einer CC BY 4.0 Lizenz.

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