Schimpfwort des Monats

Die Autoren der Streitschriften pflegten eine starke und sehr bildhafte Sprache. In einer Zeit, in der die Alphabetisierungsrate sehr niedrig lag, war es ein probates Mittel, den Gegner durch Beschimpfung wirksam und einprägsam zu charakterisieren und zu beschreiben, um so die eigene inhaltliche Argumentation zu verstärken. Die polemische Sprache ist auch als Ausdruck der starken inneren Beteiligung der Kontrahenten zu verstehen. An dieser Stelle werden einzelne Invektiven aus dem Schriftencorpus im Zitat nachgewiesen und erläutert.

Galater

"Obgemelter Bericht, beide den Landsfürsten vnd seine Theologos vnd Landstende betreffend, ist also klar in den Actis zu finden, auff die wir vns beruffen vnd sein die Sachen auff öffentlichen Landtagen furgetragen vnd in geheim nichts geschlossen, das also angezogene Handlung von den Adiaphoris der gantzen Landschafft kund vnd wissentlich, vnd solten die vnwarhaffte, vffrürische leute dennoch bedencken, das die Acta, das ist, alle Handlung, wie die ergangen, jtzt im öffentlichen Druck vnd beiden sprachen meniglich fürgelegt sein vnd es sich nicht mehr wie vor der zeit von jnen, den Flacianern vnd Galatern schreiben lassen wolle." (Wittenberger Studenten, Summa und  kurzer Auszug aus den Actis synodicis (1560), unsere Edition Bd. 2, Nr. 10, S. 861,20862,1)

"O ihr unverständigen Galater, wer hat euch bezaubert, daß ihr der Wahrheit nicht gehorchet, welchen Christus Jesus vor die Augen gemalt war, als wäre er unter euch gekreutigt?" So beginnt das dritte Kapitel des paulinischen Briefs an die Galater. Der Grund für das harte Schreiben des Paulus waren die Differenzen, die in der Gemeinde zwischen Judenchristen und Heidenchristen aufgetreten waren über die Frage der Notwendigkeit der Beschneidung und der Einhaltung des jüdischen Zeremonialgesetzes.

Die Wittenberger Studenten griffen die Rede des Paulus von den "unverständigen Galatern" auf und übertrugen sie auf Flacius und seine Anhänger. Diese hätten mit ihren Ansichten zu den Adiaphora (den freigelassenen Mitteldingen) ebenfalls Spaltungen in der Kirche angerichtet. Nachdem die Wittenberger Professoren nun ihre Akten sprich: Briefe, Gutachten usw. der Jahre 1548/49 veröffentlicht hätten (vgl. Wittenberger Professoren, Gründlicher und wahrhaftiger Bericht aller Ratschläge ... 1559 (VD 16 W 3727), im selben Jahr erschienen noch zwei lateinische Versionen (VD 16 W 3725f) dieser Schrift), wäre es Flacius und seinen Anhängern nicht mehr möglich, falsche und irrführende Ansichten über die kursächsischen Theologen und ihre Haltung zum Augsburger Interim sowie zur Entstehung der Leipziger Landtagsvorlage zu verbreiten.

[J.M.L.]

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