Schimpfwort des Monats

Die Autoren der Streitschriften pflegten eine starke und sehr bildhafte Sprache. In einer Zeit, in der die Alphabetisierungsrate sehr niedrig lag, war es ein probates Mittel, den Gegner durch Beschimpfung wirksam und einprägsam zu charakterisieren und zu beschreiben, um so die eigene inhaltliche Argumentation zu verstärken. Die polemische Sprache ist auch als Ausdruck der starken inneren Beteiligung der Kontrahenten zu verstehen. An dieser Stelle werden einzelne Invektiven aus dem Schriftencorpus im Zitat nachgewiesen und erläutert.

Gleisner

(…) also auch zu vnsern zeyten verdammen vnd verfolgen die Türcken nicht so seer die warhafftigen leer Göttlichs worts als Erstlich die Pebst, Pfaffen vnd Tyrannische Pfaffenknecht vnd darnach alle andere gleißner vnd Judas, das ist: des Bapsts gesellen, die sich doch des namen Christi rhümen. (Matthias Flacius, Ein kurzer Bericht vom Interim (1548), unsere Ausgabe Bd. 1, 112,23–27).

Matthias Flacius attackierte das kaiserliche Religionsgesetz von 1548 („Augsburger Interim) in zahlreichen Schriften scharf als nicht der evangelischen Lehre entsprechend (vgl. dazu unsere Ausgabe Bd. 1). Da für ihn allein die evangelische Lehre das Evangelium wahrheitsgemäß auslegte sowie „lauter und rein“ verkündete, stellte das „Augsburger Interim“ für ihn ein geradezu teuflisches Dokument dar, mit dem die Menschen verführt werden sollte, die erkannte Wahrheit aufzugeben. Schlimmer als die „Türcken“ waren für ihn diejenigen, die die Wahrheit verleugneten und sich dabei „doch des namen Christi rühmen“. Sie bezeichnete er als „gleißner“.

Durch den changierenden Bedeutungsinhalt ließ sich dieser Begriff in den theologischen Kontroversen des späten 16. Jahrhunderts auf unterschiedliche Personen und Gruppen anwenden. Auf den „Bapst“ und alle romtreuen Theologen und Obrigkeiten als „Scheinheilige“ und „Pharisäer“, auf diejenigen Evangelischen, voran die Wittenberger Theologen, die sich aufgrund politischer Nützlichkeitserwägungen auf Kompromisse mit dem Kaiser 1548/49 einließen, als „Kriecher“ und „Schmeichler“. Alle waren sie jedoch für Flacius „Betrüger“, „Heuchler“ und „Lästerer“. Gerade durch die letzte Bedeutung wurden sie für ihn alle zu Häretikern, die sich Gott widersetzten und denen darum Widerstand geleistet werden musste.

Weitere Literatur: Art. Gleichsner 1 und 2), in: Fnhd.Wb. 6, 2348–2351; 1Lästerer, in: Fnhd.Wb. 9,1, 345f.                                                            (J. M. L.)

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