Schimpfwort des Monats

Die Autoren der Streitschriften pflegten eine starke und sehr bildhafte Sprache. In einer Zeit, in der die Alphabetisierungsrate sehr niedrig lag, war es ein probates Mittel, den Gegner durch Beschimpfung wirksam und einprägsam zu charakterisieren und zu beschreiben, um so die eigene inhaltliche Argumentation zu verstärken. Die polemische Sprache ist auch als Ausdruck der starken inneren Beteiligung der Kontrahenten zu verstehen. An dieser Stelle werden einzelne Invektiven aus dem Schriftencorpus im Zitat nachgewiesen und erläutert.

Hyäne

(…) das er, Flacius, sich nicht an lebendigen, fromen, woluerdienten, christlichen Leuten genügen liesse, dieselbigen auffzufressen, sondern auch als ein mörderische Hyena dem Menschenfleisch in die Greber nachkröche vnd die verstorbenen mit seinen zenen schenden vnd schmehen anfechte. (Wittenberger Studenten, Summa und kurzer Auszug aus den Actis synodcis (1560); unsere Ausgabe Bd. 2, S. 934,9–13).

 

Das Schimpfwort „Hyäne“ hat einzig auf Matthias Flacius Anwendung gefunden. Im Jahr 1559 wurde in Wittenberg eine Schmähschrift gegen diesen verfasst, die als öffentlicher Anschlag verbreitet wurde und die sich durch ihre unflätigen Beleidigungen auszeichnete. In ihr wurde Flacius‘ Kritik am Umgang mit dem Augsburger Interim und der daraus in Kursachsen entstandenen Lehre von den Adiaphora und ihren Verteidigern verglichen mit einer Hyäne, die Menschen anfalle und auffresse. Da Flacius seine Gegenposition in den fünfziger Jahren des 16. Jahrhunderts beständig aufs Neue vortrug, wurde ihm von den Autoren jener Schmähschrift eine Gier auf Menschenfleisch unterstellt. Diese Gier sei so groß, dass er sogar noch gegen bereits Verstorbene wie Georg III., den Gottseligen, von Anhalt oder Justus Menius schreibe. Daher rührt das hier von dem Autorenkollektiv der „Wittenberger Studenten“ übernommene Bild zur Polemik gegen Flacius.

 

Die „Hyäne“ und ihre Gleichsetzung mit Flacius stellt die dritte Deutung eines Traums von Philipp Melanchthons aus der Zeit des Wormser Religionsgesprächs von 1541 dar. Melanchthon hatte damals geträumt, dass jemand von ihm verlangt habe, eine Messe zu singen. Dieser Traum erfuhr im Laufe der Zeit mehrere Interpretationen. So wurde er 1541 daraufhin gedeutet, dass die Vergleichsartikel des Regensburger Religionsgesprächs ein abscheuliches Flickwerk seien. 1548/49 wurde der Traum als Vorausahnung auf die Leipziger Landtagsvorlage („Leipziger Interim“) gedeutet, mit der den Bestimmungen des Augsburger Interims diplomatisch Rechnung getragen werden sollte. Die dritte Deutung erfuhr der Traum schließlich, indem jene Gestalt, die Melanchthon im Traum erschienen war, als Hyäne identifiziert und dann von den Autoren der Schmähschrift mit Flacius bzw. mit einer seiner Schriften, die er angeblich kürzlich mit Beleidigungen gegen Melanchthon habe veröffentlichen lassen, gleichgesetzt wurde.

 

Lit.: Otto Clemen, Ein öffentlicher Anschlag gegen Matthias Flacius, in: ZSTh 19 (1942), 334–351. Wieder in: Otto Clemen, Kleine Schriften zur Reformationsgeschichte (1897–1944), Band VI (1933–1944), hg. v. Ernst Koch, Leipzig 1985, 558–575.    (J. M. L.)

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