Schimpfwort des Monats

Die Autoren der Streitschriften pflegten eine starke und sehr bildhafte Sprache. In einer Zeit, in der die Alphabetisierungsrate sehr niedrig lag, war es ein probates Mittel, den Gegner durch Beschimpfung wirksam und einprägsam zu charakterisieren und zu beschreiben, um so die eigene inhaltliche Argumentation zu verstärken. Die polemische Sprache ist auch als Ausdruck der starken inneren Beteiligung der Kontrahenten zu verstehen. An dieser Stelle werden einzelne Invektiven aus dem Schriftencorpus im Zitat nachgewiesen und erläutert.

Ruffian

Nu sollen sie auch ein mal Leute finden, die die warheit wider jre Lügen zeugen sollen, vnd das jr Waremundus vnd Christian, Lügemaulus vnd Rufian sein etc. (Wittenberger Studenten, Summa und kurzer Auszug aus den Actis synodicis (1560); unsere Ausgabe Bd. 2, S. 904,2–4)

 

„Ruffian“ oder „Rufian“ fand sich bereits im Wortschatz des Mittelhochdeutschen (vgl. Matthias Lexer, Mittelhochdeutsches Wörterbuch, mit Nachträgen von Ulrich Pretzel, Stuttgart 381992, S. 173). Es handelt sich dabei um ein Wort, was sich im heutigen Italienisch (ruffiana, ruffiano), Französisch (ruffian) und Englisch (ruffian) noch erhalten hat. Die Bedeutung schwankt dabei von „Verbrecher“, über „Grobian, Haudegen“ und „Zuhälter, Hurer, Hurenjäger“ bis „Schmeichler“.

 

Matthias Flacius Illyricus hatte zu Beginn der Kontroverse um das Augsburger Interim einige seiner Streitschriften anonym publiziert. Mit den dabei von ihm gewählten Pseudonymen verfolgte er die Intention, den Lesern die Aufrichtigkeit seiner Absichten und Ehrlichkeit seiner Argumentation anzeigen, da er sich Johann Wahrmund (zu dieser Schrift vgl. unsere Ausgabe Bd. 1, S. 135–179) und Christian Lauterwahr (zu dieser Schrift vgl. unsere Ausgabe Bd. 1, S. 745–770) nannte.

 

Das Autorenkollektiv der „Wittenberger Studenten“ griffen diese beiden Pseudonyme – von denen sich rasch herausgestellt hatte, dass sie von Flacius verwendet wurden – in ihrer Schrift auf, um sie in eine polemische Parallelstellung zu ihren Pseudonymen für Flacius zu stellen und damit dessen Intention zu konterkarieren. So wurde aus Flacius, der sich selbst als „Wahrmund“  und „Christian“ – also demjenigen, der die wahre christliche Lehre vertritt – stilisieren wollte, ein „Lügemaulus“ und ein „Rufian“ – mithin ein „Schurke“ und „Hurenbock“.

 

Lit.: Art. Ruffian, in: DWb 14, 1408f.    (J. M. L.)

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