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Gegen den Bischof von Naumburg und das neue Interim. Erste Antwort (VD16: P 4051)

Pollicarius, Johannes (eigentlich Daum oder Däumling) (auf Titel)

Wider des Bischoffs
zur Naumburg vnchristlich vnd
verfürisch Buch / oder newe IN=
TERIM, jetzt dis Jar
zu Cölln im Druck
ausgangen.
Erste Antwort.
Ob es denn war sey / wie der Bischoff vnd
Papsiten / ewig vnd on auffhören liegen vnd trie
gen / Nemlich / das sie die rechte / alte / Catholi=
sche / Christliche Kirche sein?
Jtem / Ob es den(n) war sey / wie der Bischoff
vnd die Papisten / ewig vnd on auffhören liegen
vnd triegen / vnd vns vnd vnsere Lehre damit le=
stern vnd schenden / Nemlich / das wir Ketzer
vnd die newe Kirche sein / von der rechten al=
ten / Catholischen / Christlichen Kirchen abge=
fallen / Drumb denn auch sie vnd der Bischoff /
vns Donatisten schelten / vnd Winckelhauffen
vnd Winckelrotten nennen?
M. Johannes Pollicarius Pfarher
vnd Superattendens zu Weissenfels.
M. D. LXII.

Gegner:
Amsdorf (Amsdorff), Nikolaus (aus Text oder Kolophon)

Druck

Erscheinungsort
Weißenfels (aus Text oder Kolophon)
Drucker
Hantzsch, Georg (aus Text oder Kolophon)
Erscheinungsjahr
1562 (auf Titel)
Umfang und Format
28 Bl. 4°
VD 16-Nummer
P 4051
Bestandsnachweis HAB
H 129.4° Helmst. (8)
Weitere Exemplare
236. 34 Theol. (8)
Digitalisat
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Inhaltsbeschreibung

Kontroverse
Adiaphoristischer Streit
Kommentar
Im Jahr 1562 befand sich der evangelische Kontroverstheologe, seit 1561 Superintendent von Weißenfels in Kursachsen, Johannes Pollicarius, in einem heftigen Streit mit Julius von Pflug, dem altgläubigen Bischof von Naumburg. Die Auseinandersetzungen schwelten seit der Publikation des Augsburger Interims 1548. Pflug hatte im Zuge dieser Kontroverse die von der kaiserlichen Administration Karls V. initiierte Wiedereinführung liturgischer Gebräuche, die innerhalb der evangelischen Gottesdienstkultur bereits vor 1548 als nicht heilsrelevant abgeschafft worden waren, als scheinbar notwendig zur richtigen Zelebrierung des christlichen Gottesdienstes verteidigt und war hierbei auf entschiedenen Widerstand reformatorisch gesinnter Theologen gestoßen, welche die obligatorische Einführung solcher adiaphoristischer Riten als Abgötterei einstuften. Insbesondere Pollicarius, seit 1543 Diakon und seit 1547 Archidiaconus, griff Pflug daraufhin scharf an. Wie andere evangelische Kritiker der interimistischen Kirchenpolitik der altgläubigen Reichsstände bzw. der kaiserlichen Partei begriff Pollicarius die Bestimmungen des Interims als Abfall vom geistlichen Erbe der Wittenberger Reformation und als widergöttliche Einführung altgläubiger Religionsgebräuche, die nicht nur dem Evangelium zuwider seien, sondern zudem einzig und allein der Wiederherstellung päpstlicher Machtinteressen in Deutschland dienten. Durch diese Argumentationskette näherte sich Pollicarius den theologischen Standpunkten gnesiolutherischer Autoren wie Nicolaus Gallus oder Matthias Flacius Illyricus inhaltlich an. Bereits 1557 und 1561 hatte sich Pollicarius in scharfen Schriften gegen die theologischen Positionen Pflugs gewendet und zwar in Gestalt der drei Traktate: „Antwort auf das vergiffte Buch des Bischoffs von Naumburg“ (1557), „Von den Kirchen wider die zwey Buecher des Bischoffs zur Naumburg“ und „Vom Preis der heiligen Schrifft“ (1561). Diese Anwürfe hatten jeweils Gegenschriften Pflugs hervorgerufen bzw. waren Pflugschen Injurien vorausgegangen, in denen dieser seinerseits Pollicarius scharf angriff. Mit Hilfe des vorliegenden Drucks, den Pollicarius bei dem Weißenfelser Drucker Georg Hantzsch in Auftrag gab, wehrte sich Pollicarius einerseits gegen die jüngsten Invektiven des altgläubigen Naumburger Bischofs, erneuerte aber andererseits auch seine scharfen Attacken gegen seinen Gegner, die altgläubige Kirche insgesamt und insbesondere das römische Papsttum als Institution. Pollicarius macht zunächst das Argument stark, dass die bloße numerische Größe der Anhänger und Gläubigen einer Kirche keinen Hinweis auf deren Rechtgläubigkeit im Sinne des Evangeliums zulasse. Pflug hatte bei einem seiner Angriffe gegen Pollicarius nämlich mit der viele Länder umspannenden großen Menge der altgläubigen Kirchenmitglieder argumentiert. Dies sei jedoch – so Pollicarius – kein hinreichender Erweis für ein Glaubensleben im Einklang mit Gott und Christus; im Gegenteil, viele Menschen könnten sehr wohl irren und ein kleines Häuflein Aufrechter könne durchaus gegen eine große Masse Irrgeleiteter inhaltlich Recht behalten, was Pollicarius mit Beispielen aus der Kirchengeschichte zu belegen versucht. Auch das von Pflug vorgebrachte scheinbare Argument des hohen Alters der altgläubig-katholischen Kirche im Vergleich zur chronikalisch „jungen“ Abspaltung der an der Wittenberger Reformation orientierten Evangelischen wird vom Autor zurückgewiesen: nicht das Alter, sondern die Orientierung an Jesu Wort und dem Sinngehalt der heiligen Schrift mache die Rechtgläubigkeit einer Kirche aus. So sei der Teufel mit seinem dämonischen Anhang älter als alle Kirchen der Welt zusammen, deshalb sei er jedoch noch lange nicht als rechtgläubig anzusehen. Das Argument, dass die altgläubige Kirche die Einigkeit der Christen verbürge, die Evangelischen hingegen Spaltung und Streit in die Christenheit hineingetragen hätten, lässt Pollicarius ebenfalls nicht gelten. Denn diese Form der „Einigkeit“, auf die Pflug rekurriere, sei nichts weiter als eine Unterjochung der wahren christlichen Gemeinde durch das tyrannische und vom Teufel geprägte Papsttum und dessen Machtstreben bzw. Administration, das letztlich den Gläubigen die Sicht auf das Evangelium und die Rechtfertigung des Christen aus Glaube und unverdienter Gnade verstelle und somit zum Verführer der eigenen Pfarrkinder werde.

Zitierhinweis

Gegen den Bischof von Naumburg und das neue Interim. Erste Antwort, in: Controversia et Confessio Digital. Herausgegeben von Irene Dingel. <http://www.controversia-et-confessio.de/id/b7d9d1a3-ef4a-495f-b7ba-f4046c6117f7>. (Zugriff am 13.11.2019)

Dieser Text steht unter einer CC BY 4.0 Lizenz.

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