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Stancaro, Francesco d. Ä.

GND: 119836998

geb. ca. 1501 in Mantua, gest. 12.11.1574 in Stopnica/Polen, Humanist, Theologe, Mediziner, Hebraist

Wahrscheinlich aus einer jüdischen Familie stammend, wurde St. um 1501 in Mantua geboren, sein genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt. Anfangs katholischer Geistlicher oder Mönch, geriet er mit Camillo Renato in Kontakt. Um 1530 veröffentlichte er sein erstes Buch zur Hebraistik. Um 1540 wandte er sich in Padua der Reformation zu, heiratete und wurde von der venezianischen Obrigkeit inhaftiert. Freigelassen begab er sich 1542 nach Chiavenna in die evangelische Gemeinde von Francesco Negri, wo er sich wahrscheinlich scheiden ließ. 1544 bis 1546 lehrte S. Hebraistik in Wien, musste die Universität aber verlassen, als sein Bruch mit der römischen Kirche bekannt wurde. Auf dem Regensburger Religionsgespräch begegnete er Bernardino Ochino, der ihm eine Lehrtätigkeit als Lektor für alte Sprachen in Augsburg vermittelte. Noch vor Ende des Reichstags verließen Ochino und St. Augsburg und gingen nach Basel, wo St. Theologie studierte und den theologischen Doktorgrad erwarb. Lelio S. Curione bemühte sich vergeblich um einen Lehrauftrag für ihn. Noch im Jahr 1548 ging St. über Siebenbürgen nach Polen, wo er an der Universität Krakau Hebräisch unterrichtete. Wegen seiner Kritik an der Heiligenverehrung, die er in einer Vorlesung über die Psalmen geäußert hatte, wurde St. 1550 denunziert und in Lipowitz in Haft gesetzt. Nach zwei Monten wurde er befreit und fand Aufnahme bei den protestantischen Adeligen Stadnicki und Oleśnicki. In dessen Ort Pinczów, dem späteren Zentrum der polnischen Reformation, fand im selben Jahr die erste Synode der kleinpolnischen Pastoren statt, an der St. teilnahm. Wegen eines gegen die Protestanten gerichteten königlichen Edikts verließ St. Polen und nahm im Mai 1551 eine Professur für Hebräisch in Königsberg an. Hier bezog er bald im osiandrischen Streit gegen Andreas Osiander Position und verließ deshalb sein Amt. Er wandte sich nach Frankfurt/Oder, wo er seine Lehre vom Mittleramt Christi in Auseinandersetzung mit Osiander entwickelte: Im Anschluss an Petrus Lombardus vertrat er die Auffassung, dass Christus nur nach seiner menschlichen Natur Mittler sein könne. Mit dieser Lehre geriet er rasch in Konflikte mit Andreas Musculus in Frankfurt und fand auch bei Philipp Melanchthon und Johannes Bugenhagen keine Unterstützung. St. verließ Frankfurt und kehrte 1553 zurück nach Polen, wo er ebenfalls keine Bleibe fand. 1554 bis 1559 hielt er sich an wechselnden Orten in Ungarn und Siebenbürgen auf und vertrat weiterhin seine christologische Sonderlehre, für die er aber wenig Anhänger fand. Im Mai 1559 hielt er sich erneut in Polen auf. In Auseinandersetzungen mit den polnischen Reformierten um Johannes a Lasco und Felix Cruciger gelang es St., einen Teil der polnischen protestantischen Adeligen und Pastoren von seiner Lehre zu überzeugen. Er gründete eine Schule in Dubiecko, musste den Ort aber auch wieder verlassen, als sein Gönner Stadnicki starb. Nach weiteren Jahren in der Walachei fand St. 1565 Aufnahme bei Piotr Zborowski in dessen Städtchen Stopnica. Hier verlebte er seine letzten Jahre. Bis 1570 zerfiel die von St. gegründete Kirche; bei der Synode von Sandomierz schlossen sich die letzten sieben Pastoren der reformierten Kirche an; sein gleichnamiger Sohn wurde Superintendent der kleinpolnischen Reformierten. Auch St. soll sich am Lebensende wieder zur reformierten Kirche bekannt haben. Als einer der besten Hebraisten seiner Zeit stand St. mit seiner Christologie zwischen den Fronten von osiandrischem Streit einerseits und den antitrinitarischen Konflikten besonders in Polen und Ungarn andererseits. „Obwohl er sich in Transsylvanien, Polen und Preußen als Verteidiger der katholischen, also der klassisch protestantischen Orthodoxie in Fragen der Trinität und Christologie darstellte, fand er sich immer wieder in der Nähe der Strudel theologischer Spannungen und radikalen Schismen.“ (G.H. Williams).

ADB, RE, RGG3, RGG4, TRE, BBKL, LThK

Archivio Biografico Italiano (ABI): II 597,127

Jüdisches Biographisches Archiv (JBA): II 525,386

Ungarisches Biographisches Archiv (UBA): 543,425-433

Polskie Archiwum Biograficzne (PAB): I 523,343-354; II 350,290-291; IIS 80,12-13

Quellen

1550
Disputatio de Trinitate; S 8547  (Autor)
1551
Canones Reformationis ecclesiarum polonicarum; S 8543  (Autor)
1552
Responsio de controversiis Stancari; M 4140  (Gegner)
1554
Confessio de mediatore Jesu Christo; H 1818  (Gegner)
1558
In Gottes wort gegründete Confutationes etlicher Corruptelen; Weimarer Confutationsbuch, dt.; S 1099  (Gegner)
In Gottes wort gegründete Confutationes etlicher Corruptelen; Weimarer Confutationsbuch, dt.; S 1098  (Gegner)
1559
Libelli aliquot utiles; M 3085  (Gegner)
1560
Dilucida Explicatio doctrinae de vera participatione; --  (Gegner)
1560
Epistolae Duae ad ecclesias polonicas de negotio Stancariano; B 9609  (Gegner)
1561
Corpus doctrinae christianae, dt., Corpus Philippicum; M 2896  (Gegner)
De Trinitate & Mediatore Domino nostro; --  (Autor)

Weitere Informationen (Externe Angebote)

Zitierhinweis

Stancaro, Francesco d. Ä., in: Controversia et Confessio Digital. Herausgegeben von Irene Dingel. <http://www.controversia-et-confessio.de/id/f1b5dca2-84df-4033-b812-4e23e7f5c764>. (Zugriff am 16.12.2018)

Dieser Text steht unter einer CC BY 4.0 Lizenz.

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